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12:56:40 - Kirchheim Erleben-Magazin Herbst/Winter 2012

18 WAS IST EIN FACHWERKHAUS? Unter einem Fachwerkhaus versteht man ein aus behauenen oder gesägten Hölzern errich- tetes Gebäude, das entsprechend der Anord- nung der Hölzer auch bauholzfreie Zwischen- räume in den Wandbereichen aufweist. Diese bezeichnet man als Gefache, die durch Aus- fachung geschlossen wurden. Dies konnte durch Steine, Backsteine oder alte Dachziegel geschehen. Bei älteren Bauten wurde hölzer- nes Flechtwerk aus senkrechten Staken ver- wendet, die in der Regel aus Eiche sind, und waagrechtes Rutengeflecht, zumeist aus Hainbuchen- oder Haselnusszweigen, das an- schließend mit Lehm verputzt wurde. Bei genauerer Betrachtung des Begriffs Fach- werkhaus muss beachtet werden, dass Fach- werk nur eine spezielle Form der Wandaus- bildung innerhalb eines Holzgerüstes ist. Holzgerüstbauten ohne Fachwerkwände, wie z.B. ältere Keltern, sind im Grunde genommen keine Fachwerkhäuser. Aufgabe des Holzge- rüstes ist es, die Last des Daches in das Fun- dament oder direkt in das Erdreich abzuleiten. Das Traggerüst wird vor allem durch Ständer oder Pfosten gebildet, die längs und quer je- weils in Reihen angeordnet sind und durch ho- rizontal verlaufende Hölzer zu Bünden verbun- den sind. An den Schnittpunkten der einzelnen Bünde befinden sich tragende Ständer, die Bundständer genannt werden. Das nach oben abschließende horizontale Verbindungsholz der Bundständer nennt man das Rähm. Am unteren Ende können die Bundständer auch auf einer Schwelle stehen. Sie finden sich je- doch nur dann, wenn zwischen Bundständern ein Wandaufbau vorgesehen ist. Für das Trag- gerüst sind sie nicht zwingend erforderlich. Für die Aussteifung des Holzgerüstes sorgen schräg verlaufende Bänder oder Streben. Sie werden nach der Art der Holzverbindung un- terschieden: Bänder sind an den Enden ver- blattet abgezimmert, Streben verzapft. Mit waagrechten Riegeln kann die Gefachhöhe verringert werden. Verblattung Band Blatt Blattsasse Holznagel Zapfen Zapfloch Strebe Verzapfung SCHMUCK AM BAU Viele Kirchheimer Fachwerkbauten aus der Zeit nach dem Stadtbrand zeichnen sich durch besonders reichhaltig verzierte Schaufassaden aus. Die Zierformen zeigen das teilweise bereits im 15. Jahrhundert, vor allem aber im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelte Repertoire: „paarige Anordnungen von Streben” an den Ständern, geschwungene oder „geschweifte Streben”, genast oder mit Flach- schnitzereien versehen, einfache oder geschweifte „Andreaskreuze”, „Kopfwin- kelhölzer mit Herzen” und vieles mehr. Einzelne Gebäude haben noch verzierte Fenstererker im Stubenbereich (Kanalstraße 28, Rückseite Gasthaus Dreikönig, ehemals Plochinger Straße 6), die im 17. Jahrhundert noch an vielen Kirchheimer Häusern vorzufinden waren, jedoch in der Mitte des 18. Jahrhunderts meist ent- fernt wurden. Eine besondere Verzierung ist an fast allen Gebäuden in der Umgebung des Rathauses und vereinzelt auch an weiteren Gebäuden der Kirchheimer Innenstadt zu sehen: plastisch verzierte Eckständer. Hier findet sich eine er- staunliche Vielfalt an Säulenformen, teils ge- formt wie antike Säulen mit Basis und Kapitell, teils mit schneckenförmig gewundenen Ausläu- fen, Taustäbe, oft mit mehrfarbigen Anstrichen versehen. Die reiche Tradition verzierter Eckstän- der ist in Kirchheim an den ersten Hausbauten nach dem Stadtbrand sowie auch noch an Fachwerkfassaden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu finden. Dabei weist das Ötlinger Rathaus von 1617 auch darauf hin, dass wohl in Kirchheim entsprechende Verzierungen schon vor dem Stadtbrand von 1690 vorhanden waren.

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