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Kirchheim Erleben Magazin Frühjahr/Sommer 2012

Der Kunst- und Aktionspfad am Randecker Maar soll jetzt abermals die gesamte Ziegelhütte in einem Großprojekt vereinen, in dem jeder sich und seine Fähigkeiten ein- bringt, um ein gemeinsames, großes Ganzes erreichen zu können. „Wir arbeiten viel mit Kunst“, sagt Hendrik van Woudenberg. Ausgestellt werden beim Kunst- und Aktionspfad deshalb Kunstwerke von Jugendlichen und Mitarbeitern der Ziegelhütte. Wenn Jugendliche und ihre Lehrer oder Betreuer an einem gemeinsamen Objekt ar- beiten – etwa an einem Drachen aus Holz, der 15 Meter lang und bis zu 4,5 Meter hoch ist – dann erleben sie intensive Momente gemeinsamen Schaffens, von denen sie ein Leben lang profitieren. Beachtlich ist auch, dass einige Jugendliche ganz allein Kunstobjekte extra für das Großereignis im Sommer her- stellen. Eine besondere Anerkennung erfahren sie da- durch, dass ihre Arbeiten in den Kunst- und Aktionspfad integriert werden, genau wie die Arbeiten anerkannter Künstler aus der Region, die ebenfalls rund um das Ran- decker Maar zu sehen sind. So steuert etwa der Bissin- ger Künstler Winfried Tränkner eine 1,80 Meter hohe Steinfigur mit dem Titel „Visionär“ bei. Manfred Adler aus Hepsisau bearbeitet eine abgebrochene Buche aus dem Randecker Maar. Auch Menschen aus der Bevölkerung arbeiten unter Anleitung dieser Künstler an Skulpturen. Als visionär dürfte sicherlich der gesamte Kunst- und Ak- tionspfad gelten, denn außer der eigentlichen Kunstaus- stellung in freier Natur ist auch ein umfangreiches Be- gleitprogramm am Randecker Maar angedacht. Dazu gehören Theatervorführungen, Konzerte, Open-Air-Kino, naturkundliche Führungen, aber auch ein Erlebnisspiel- platz für Kinder und Jugendliche u.v.m. Die Zielsetzung ist eindeutig: Der schönste Skulpturenpfad nutzt nichts, wenn er nicht auch genügend Betrachter anlockt. Das at- traktive Begleitprogramm trägt dazu bei, dass der Pfad auch zum Publikumserfolg wird. Schließlich bedeutet je- der Besucher Anerkennung – vor allem für die Jugendli- chen, die sich am Kunst- und Aktionspfad beteiligen. 31 Drache bei der Flügelanprobe Über die Jugendhilfeeinrichtung Ziegelhütte Die Ziegelhütte ist eine Einrichtung für Jugendliche „mit sozialem und emotionalem Förderbedarf“. Gemeinsamer Träger der Ziegelhütte und des Hepsisauer Michaelshofs ist der Verein „Michaelshof-Ziegelhütte – Einrichtung für Erziehungshilfe“ mit Sitz in Weilheim. Ursprünglich ein- mal war die Ziegelhütte eine Ziegelei, später ein landwirtschaftlicher Hof. Seit 1973 ist dort die heutige Einrichtung untergebracht. Zunächst lag der Schwerpunkt auf geistig behinderten Erwachsenen. 1993 er- folgte ein grundlegender Wandel, hin zur Jugendhilfeeinrichtung. Insgesamt betreuen die 55 Mitarbeiter der Ziegelhütte derzeit 34 Ju- gendliche ab 14 Jahren. „Die ältesten Jugendlichen sind um die 19“, sagt Hendrik van Woudenberg, der Leiter der Ziegelhütte. Genau fest- gelegt sind die Altersgrenzen nicht, denn in der Ziegelhütte geht es vor allem um individuelle Angebote für junge Menschen, die im „normalen“ Schulalltag nicht richtig Fuß fassen konnten. Die Festlegung auf ge- normte Altersgrenzen würde diesem Prinzip der individuellen Förderung widersprechen. Wirkliche Fortschritte machen sich bei den Jugendlichen meistens in ihrem zweiten Jahr an der Ziegelhütte bemerkbar, stellt Hendrik van Woudenberg immer wieder fest. Das erste Jahr dient der Eingewöh- nung. Dabei steht viel Projektarbeit an. Die Jugendlichen arbeiten in verschiedenen Werkstätten der Ziegelhütte mit, etwa in der Käserei, in der Schreinerei oder im Backhaus. Sie erfahren dadurch, dass sie wich- tige, sinnvolle Arbeit verrichten können. Somit gewöhnen sie sich an fes- te Rhythmen in ihrem Alltag, was ihnen auch im Schulalltag weiterhilft. Die Ziegelhütte betreibt eine eigene Schule, an der die Jugendlichen so- wohl einen Förderschul- als auch einen Hauptschulabschluss machen können. Die Genehmigung, einen Werkrealschulabschluss anzubieten, hat die Ziegelhütte ebenfalls schon erhalten. Ab dem Schuljahr 2012/2013 ist der Werkrealschulabschluss an dieser besonderen Schu- le am Randecker Maar erstmals möglich. „Alle Jugendlichen, die hier zur Schule gehen, wohnen auch hier“, sagt Hendrik van Woudenberg. Auf der Ziegelhütte gibt es dafür drei Wohn- gruppen. Weitere Jugendliche der Ziegelhütte sind in der Außenwohn- gruppe in Jesingen untergebracht. Ziel ist es, die jungen Menschen in schwierigen Phasen des Heranwachsens zu begleiten und sie mit dem nötigen Rüstzeug zu versehen, dass sie nach einer gewissen Zeit des betreuten Jugendwohnens ihr Leben möglichst selbstständig führen können. Wer dagegen schon mit 14 oder 15 Jahren an die Ziegelhütte kommt, sollte sich nach zwei Jahren wieder in die eigentliche Familie integrieren können. Am Anfang eines Aufenthalts in der Ziegelhütte steht eine gemeinsame Trekkingtour nach Mittenwald mit einem anschließenden erlebnispäda- gogischen Aufenthalt. Übernachtet wird in Tipis. Diese dreiwöchige Tour schweißt die Jugendlichen und ihre Betreuer zusammen und macht den jungen Menschen bewusst, wie entbehrungsreich und anstrengend das Leben mitunter sein kann. Das gilt auch für ein Projekt, bei dem Ju- gendliche mit ihren Lehr- und Begleitpersonen in den Alpen von Hof zu Hof wandern und auf den Berghöfen in der Landwirtschaft mithelfen. Am Ende solcher Projekte hört Hendrik van Woudenberg dann auch Sätze wie: „Jetzt ist mir erst klar geworden, wie gut es mir eigentlich geht.“ magazin_khe_8_Layout 1 30.03.12 16:01 Seite 31